Gemeinsam Pflege und Politik
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AG JUNGE PFLEGE

REGION SÜDOST

Montag, 13.11.2017

„Wenn der Personalschlüssel nicht passt, ist ein Vollzeitjob unvorstellbar" - Interview

Eine Gesundheits- und Krankenpflegerin gibt tiefe Einblick in ihren Beruf - Interview von Romy Zeller, AG Junge Pflege Mitteldeutschland

„Pflege ist schön, überwältigend, stressig, überraschend, anders ...“ Wie Pflege noch sein kann, erzählt uns Margitta (Name durch Redaktion geändert), Gesundheits- und Krankenpflegerin an einer Klinik in Sachsen in einem Interview, das im Rahmen eines Kongresses entstanden ist. Gesundheits- und Krankenpflegerin war nicht ihre erste Wahl. Ob sie es bereut hat? Lest selber.

Hallo, danke, dass Du mit mir das Interview führst und einen Einblick in den Beruf Pflege geben möchtest. Beschreibe doch zunächst deinen Beruf. Was fällt Dir auf Anhieb ein?

Mir macht der Beruf sehr viel Spaß, ich erhalte von Patienten/innen sehr viel Dankbarkeit. Auf unserer speziellen Station, wohin Patienten/innen mit Schlaganfall kommen, erlebt man die Entwicklung der Patienten/innen. Die Betroffenen haben diverse Einschränkungen und nach der Therapie sieht man die kleinen und großen Erfolge. Wir dürfen sehr selbstständig arbeiten und können bei Entscheidungen teilhaben. Die Ärzte/innen fragen nach der Nahrungsaufnahme, Mobilisation und dem Entwicklungsstand. Unsere Meinung wird gehört. Daher sind wir auch bei der Visite dabei. Im Team ist zum großen Teil ein sehr gutes Miteinander. Weil wir eine kleine Station sind, ist die Kommunikation gut - auch in Notsituationen. Es herrscht auch nicht dieser permanente Stress. Selten ist jemand gereizt oder genervt. Konflikte entstehen zum Beispiel,  wenn die Arbeitsintensität unterschiedlich betrachtet wird. Vor allem, wenn man es anspricht und die Stationsleitung es ignoriert. Das frustet. Und ich muss noch sagen, dass ich mir auf so einer kleinen Station vorstellen kann, bis auf 40 Stunden pro Woche hochzugehen und bis zur Rente zu arbeiten, aber auf anderen, großen Stationen, auf denen der Personalschüssel nicht passt, ist es unvorstellbar.

Warum nicht auf einer Station, auf der es mehr zu betreuende Menschen gibt?

Bei dieser hohen Belastung und dem nicht angepassten Personalschlüssel sind Schichten, Wochenendarbeit und bei einer 40-Stunden-Woche weniger freie Tage sehr belastend und damit besteht die Gefahr, schnell erschöpft zu sein.

Aber geht es denn ohne Schichtarbeit in der Klinik?

Es geht nicht ohne Schichtarbeit, aber man müsste den Beruf generell schmackhafter machen. Es sind viel zu wenig junge Leute, die diesen Beruf erlernen möchten. Entweder man liebt ihn oder nicht. Denn wer will sich drei Schichten für so wenig Geld antun? Wohl eher keiner. Dazu kommt, dass man so viel dokumentieren muss, um sich abzusichern. Der Anspruch daran ist so hoch, dass man aus strukturellen und personellen Gründen gar nicht alles schaffen kann, was geleistet werden müsste. Allein für das Patientenwohl. Doch wir und auch viele Kollegen/innen erleben es immer wieder, dass Dienst nach Vorschrift gemacht werden muss. Das ist nicht zufriedenstellend. Oder es wird die Pause durchgearbeitet oder eine Stunde an den Dienst angehangen. Nur damit man alles gemacht hat, bis die Ablösung kommt.

 Das geht sicher an die Substanz und schwächt irgendwann so sehr, dass man gar nicht mehr den Dienst antreten kann. Warum wird das trotzdem gemacht?

Ich denke, um vor anderen gut dazustehen, weil es die Kollegen/innen ja auch geschafft haben, wegen dem Druck und den Erwartungen von oben, weil man selbst die Verantwortung übernehmen will und eine „gute/fertige" Station übergeben will.

Aber zeigt man nicht dadurch, dass man auch mit weniger Personal alles schafft?

Mmhh…

Was wird im Ernstfall gemacht? Gibt es denn rechtliche Schritte, um auf mangelhafte Besetzung hinzuweisen?

Wir können bei der Pflegedienstleitung anrufen oder Überlastungsanzeigen schreiben. Das nimmt auch viel Zeit in Anspruch und bringt manchmal nicht viel. Zum Beispiel auf einer großen Bettenstation soll es schon vorgekommen sein, dass dann Personal eingestellt wurde, was die Anforderungen nicht erfüllen konnte, weil ein anderer Berufsabschluss vorhanden war. Zudem wurde diese Person ohne Einarbeitung sofort in die Nachtschicht eingeteilt. Nicht zusätzlich, sondern als voll zählende Stelle. Wie soll man da eine/n neue/n Mitarbeiter/in einarbeiten und gleichzeitig qualitativ hochwertig pflegen können? Dann macht man es lieber selbst, versucht sich durchzuboxen. Man setzt Prioritäten, schreibt mehr auf und der Rest fällt hinten runter – glaube ich. Bei mir auf Station setzt sich zum Glück die Stationsleitung für einen ausreichend hohen Personalschlüssel ein.

 Spielt also die Stationsleitung eine tragende Rolle, wenn es um eine gute Arbeitsatmosphäre auf Station geht?

Ja.

Ok, das ist ein Aspekt, wie der Beruf ansehnlich gemacht werden kann und damit man gern arbeitet. Vorhin sprachst Du von mehr Geld im Beruf. Meinst Du, dass das mehr junge Leute davon überzeugen würde, den Beruf zu erlernen?

Naja, nicht nur. Wenn ich an die Ausbildung denke, die  war hart und viel. Das ist für junge Leute sehr anspruchsvoll.

Das bedeutet, es wäre besser, wenn Mädchen und Jungen mehr Schuljahre hinter sich haben und erst mit 18 Jahren die Ausbildung beginnen?

Ja.

Warum denkst Du so?

Auf jeden Fall wegen der Reife. Es fehlen meist die Übernahme von Verantwortung, die Selbstständigkeit und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und zu lernen.

Wie alt warst du, als du die Ausbildung angefangen hast?

27

Was hast Du vorher gelernt bzw. gearbeitet?

Ich habe Frisörin gelernt und danach arbeitete ich zwei Jahre als Flugbegleiterin.

Das heißt, Du hast dann umgeschult? Warum?

Einerseits bekam ich keine unbefristete Stelle und andererseits ist Flugbegleiterin auch schwer mit Familie vereinbar.

Wie kamst Du zum Pflegeberuf?

Durch Beziehungen. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich es nicht gemacht. Der psychische Druck in der Ausbildung ist teils sehr hoch und kann kaputt machen. Andererseits ist der auch gut, da er unbewusst auf das hohe Arbeitspensum und den Anspruch vorbereitet. Man lernt früh, Verantwortung zu übernehmen und für seine Taten Konsequenzen zu tragen.

Und nun bist Du schon 20 Jahre dabei. Bei all den schönen und unangenehmen Seiten des Berufs – hast du es bereut, Gesundheits- und Krankenpflegerin zu lernen?

Auf keinen Fall.

Noch ganz kurz: Hast Du denn noch Ideen, wie man den Beruf mehr ins Bewusstsein der Jugendlichen bringen kann, damit sie ihn erlernen?

Mehr Werbung würde ich fehl am Platz finden, da ja eigentlich jeder Jugendlicher mit 16/17 Jahren gewillt ist, einen Beruf zu erlernen und sich dementsprechend informiert.  Aufklärung wäre eine Möglichkeit, um zu zeigen, was einen erwartet. Allerdings könnte das noch mehr abschrecken, weil es auch Tätigkeiten gibt, die nicht jeder gern macht, wie zum Beispiel Gesäß reinigen oder so. Obwohl es ja verschiedene Einsatzgebiete gibt und der Beruf sehr vielfältig ist. In unserem Haus bzw. auf unserer Station gibt es Stationsbegehungen und Schülertage, an denen Jungen und Mädchen der 10. Klasse einen Tag im Krankenhaus erleben dürfen. Dabei wird gemeinsam gekocht, gegessen und  über bewusste Ernährung und den Beruf erzählt. Sonst habe ich eher weniger Ideen, wie man den Beruf schmackhaft machen könnte.

 Das ist doch ein Ansatz. Vielleicht haben andere Einrichtungen ähnliche Projekte, um Jugendliche für den Beruf zu gewinnen. Das wäre wünschenswert. Möchtest du zum Abschluss noch ein paar Worte sagen oder jungen Menschen etwas auf den Weg mitgeben?

Wenn ich nach Hause komme, habe ich eine gute Tat getan. Ich bin zufrieden, weil ich weiß, dass ich einem Menschen geholfen habe.

Ich danke Dir sehr für das Interview. Für Deine Zukunft und für die Arbeit alles Gute und eine schöne Zeit.

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