Junge Pflegende treffen sich im Ruhrgebiet
Lust auf ein lockeres Zusammentreffen mit gleichgesinnten jungen Pflegenden? Nette Leute kennenlernen, "networking", fachsimpeln... alles möglich und offen. Wir treffen uns am 03. Juli um 18:30 Uhr in Krefeld, Café Extrablatt zum Stammtisch.
Fazit ein Jahr nach Abschluss des Pflegestudiums: Bachelor-Absolventin im Interview mit junge-pflege.de
- Montag, 25. Juli 2011
- Geschrieben von: Administrator
Sie waren die Pioniere, jetzt haben sie das erste Praxisjahr hinter sich: Die ersten Hochschulabsolventen des dualen Studienganges Pflege an der HAW Hamburg sind in den Krankenhäusern angekommen. Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen und zu sehen, ob der Bachelor of Nursing ein Zugewinn in der Ausbildungslandschaft ist. Wir haben mit Nadine Rosenfeld, einer der Erstabsolventinnen, gesprochen.
junge-pflege.de: Nadine, Du gehörst zu den ersten Hochschulabsolventen, die in Hamburg den dualen Bachelor-Abschluss in Pflege gemacht haben. Hältst Du es für zukunftsträchtig, Pflege zu studieren?
Nadine Rosenfeld: Im Moment fällt es mir schwer, Sinn in einem Bachelor-Studium zu erkennen, weil die Strukturen, die in den Krankenhäusern herrschen, dafür noch nicht geschaffen sind. Wenn die Bedingungen in der Pflege so schlecht sind, macht es eigentlich wenig Sinn, jetzt eine neue Ausbildungsform einzuführen.
junge-pflege.de: Was müsste stattdessen passieren?
Nadine Rosenfeld: Erst mal muss doch festgelegt werden, was die Pflege überhaupt tun soll und darf. Da werden Hierarchien in Form von verschiedenen Ausbildungsformen geschaffen, obwohl die Pflege überhaupt nicht hierarchisch aufgebaut ist. Die Bedingungen müssen doch erst mal gut sein für die, die im Moment in der Pflege arbeiten, und dann kann man weiterdenken.
junge-pflege.de: Also kommt der Bachelor in Deutschland zu früh?
Nadine Rosenfeld: Die Frage ist eher, welcher Weg der richtige ist, nicht der Zeitpunkt. Es kann ja auch eine Chance für Bachelor sein, jetzt das Handlungsfeld ihrer Nachfolger mitzugestalten. Aber vor allem betrachte ich diese Entwicklung als Prozess. Das ist ja keine Kindereisenbahn, wo ein Teil exakt auf das andere aufbaut, sondern eher ein Labyrinth, wo man unterschiedliche Wege ausprobieren muss. Aber sicherlich kann man es auch als Chance sehen, unterschiedliche Wege ausprobieren zu können.
junge-pflege.de: Welche praktischen Erfahrungen ziehst Du aus dem ersten Jahr nach dem Bacherlorabschluss?
Nadine Rosenfeld: Erfahrungen im Umgang mit unterschiedlichen Menschen und in diesem Zusammenhang selbstverantwortlich zu handeln, d. h. zum einen für die Dinge gerade zu stehen, die man tut, zum anderen Interessen und Verhalten vor anderen vertreten zu können.
junge-pflege.de: Kannst Du das verdeutlichen?
Nadine Rosenfeld: Oft ist das Arbeitsaufkommen nur schwer zu bewältigen, so dass man sich überlegen muss, welche Aufgaben man wann erledigt und welche weggelassen werden können. Dabei die Pflege ganzheitlich zu sehen ist eine Kunst. In keinem Lehrbuch werde ich eine Anleitung finden, wie ich es als Individuum schaffe zufrieden nach Hause zu gehen.
junge-pflege.de: Also ist auch ein Studium nicht in der Lage, einem alles zu vermitteln, was man in der Profession Pflege braucht?
Nadine Rosenfeld: Die Theorie kann einen auf die Praxis vorbereiten, und dazu tragen die Praxiseinsätze auch bei. Aber wie man dann als Examinierte mit den unterschiedlichen Emotionen, die bei allen Handlungen mitschwingen, umgeht, dafür gibt es kein vorgefertigtes Programm. Schließlich ist man selbst auch täglich unterschiedlich, und damit ich mit meiner eigenen Arbeit zufrieden sein kann, muss ich ja auch meine eigenen Bedürfnisse erfüllen.
junge-pflege.de: Also heißt Arbeitsalltag, täglich eine neue Herausforderung zu meistern?
Nadine Rosenfeld: Ja, denn die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind schwierig, Bachelor hin oder her. Ich empfinde es als enorme Belastung, ständig priorisieren zu müssen. Man muss lernen, Abstriche zu machen und somit einen Blick für das Ganze entwickeln.
junge-pflege.de: Geht das denn nicht auch mit Schuldgefühlen einher?
Nadine Rosenfeld: Klar, nach wie vor. Denn wir lernen ja eine fantastische Idealwelt. Und da startet man mit dem Anspruch dies auch umzusetzen. Wenn die Wirklichkeit dann ganz anders aussieht, dann braucht es eine Weile, bis man merkt, dass man nicht selbst daran schuld ist, wenn man diese Traumwelt nicht verwirklichen kann.
junge-pflege.de: Hat Dich das Studium darauf vorbereitet?
Nadine Rosenfeld: Die Konsequenz daraus ist, dass man lernen muss, Prioritäten zu setzen. Jetzt bin ich in einer anderen Situation als in der Ausbildung, wo ich einfache und komplexe Aufgaben gleichzeitig hatte. Ich muss entscheiden, für welche Aufgaben ich wirklich mein Fachwissen brauche, und welche Aufgaben ich delegieren kann - zum Beispiel Botengänge oder das Auffüllen von Schränken. Und dass das nur funktionieren kann, wenn ich vernünftig anleite, und dass ich dadurch Zeit für fachliche Aufgaben gewinne, diese Prioritäten zu setzen, habe ich in der Ausbildungszeit gelernt.
junge-pflege.de: Sind Dinge wie Botengänge für Dich Aufgaben, die akademisch ausgebildete Pflegekräfte auch übernehmen sollten?
Nadine Rosenfeld: Auch akademisierte Pflegende sollten solche Aufgaben übernehmen können. Ob sie sie dann im Arbeitsalltag übernehmen müssen, ist eine andere Sache, dafür braucht man kein Examen oder keinen Hochschulabschluss. Aber das Know-how dafür muss einfach da sein.
junge-pflege.de: Zu welchen Aufgaben befähigt Dich denn das Studium explizit?
Nadine Rosenfeld: Die Pflege als Wissenschaft zu sehen und zu verstehen. Viel spielt sich im Kopf ab und ist somit nicht sichtbar, somit wird für mich auch verständlich, warum Menschen fragen „Was ist Pflege eigentlich?“ Sie sehen allenfalls den logistischen Aufwand, jedoch nicht den kognitiven Teil.
Ein Studium befähigt einen dazu, Prozesse zu erkennen und prozesshaft zu denken. Man sieht Abläufe über einen längeren Zeitraum, auch über den Krankenhausaufenthalt hinaus und in mehreren Ebenen und kann somit Probleme anders angehen. Daraus kann ich dann beratend tätig werden, auch wenn ich meine Patienten nicht zu Hause weiter pflege.
junge-pflege.de: Kannst du prozesshaftes Denken in einem praktischen Beispiel veranschaulichen?
Nadine Rosenfeld: Möchte ich einen Patienten lagern, beginnt das für mich nicht mit einem Ziehen und Zerren am Patienten, sondern ich schaue mir die Situation an und überlege wie ich diese für mich und den Patienten am besten lösen kann und ob ich dazu Hilfe brauche.
Das fehlt mir in der Pflege oft, Problem werden zu lösen begonnen, ohne dass die Ursache klar ist.
junge-pflege.de: Ist ein duales Studium insgesamt empfehlenswert?
Nadine Rosenfeld: Insgesamt ist es nie verkehrt, weitere Kompetenzen zu erlangen. Jedoch sehe ich die Gefahr, dass diese dadurch verloren gehen, dass man sie nicht anwendet. Das Paradebeispiel ist das wissenschaftliche Arbeiten. Ich habe gelernt Studien zu lesen, zu bewerten, und mir wissenschaftliche Literatur zu beschaffen. Doch im beruflichen Alltag gibt es kaum eine Möglichkeit, dies anzuwenden. Schließlich bin ich als Gesundheits- und Krankenpflegerin angestellt und somit fehlt mir der Zugang zu Datenbanken und Bibliotheken. Für das zukünftige Arbeitsfeld von akademisierten Pflegekräften würde ich mir eine engere Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis wünschen.
junge-pflege.de: Können Pflegekräfte selbst etwas dafür tun?
Nadine Rosenfeld: Ja, jedoch ist es mir zu einfach gedacht, dass die Erwartung vorherrscht, dass die Studierten sich ihre Lücken suchen. Häuser sollten schon aussprechen, wo sie sich akademisierte Pflegekräfte vorstellen könnten.
Jedoch sollten die studierten Pflegekräfte auch hin und wieder selbst auf sich aufmerksam machen. Dies kann zum Beispiel durch die Mitarbeit in Arbeitsgruppen oder der Besuch von Fortbildungen sein.
Abschließend bleibt mir zu sagen, dass ein Bachelorabschluss in der Pflege keine Standardlösung für die Probleme in der Pflege ist, jedoch kann er einen Beitrag zur Lösung beitragen. Auch für einen selbst bringt der Abschluss nicht automatisch die große Zufriedenheit mit sich, er öffnet aber viele Türen ein Stück. Durch welche man dann geht, muss man dann selbst für sich entscheiden. Und somit auch die Situation, die man vorfindet, so gestalten, dass diese für einen selbst vertretbar ist.



